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Das Innen bestimmt das Aussen
Wolfgang Bier geb.1943 in Mährisch-Trübau (Sudetenland), gest. 1998 in Schwäbisch Hall,
Eisenbildhauer und Zeichner, gehörte zu jenen Künstlern, die sich den wechselnden Launen
modischer Kunstrichtungen stets verweigerten. Sein umfangreiches bildhauerisches und
zeichnerisches Werk entstand abseits einer breiten Öffentlichkeit. Es ist von schonungsloser
Aufrichtigkeit: Eine Kunst, die herausfordert und sensibilisiert, Widersprüche offenbart und von
tiefer Menschlichkeit getragen ist. Sein Thema war der Mensch mit seinen Schwierigkeiten und
Ängsten mit sich und seiner Umwelt. Ein Thema, das mit den polaren Begriffen Aggression und
Verteidigung, Körper und Psyche, Verletzung und Verletzlichkeit umrissen werden kann.
1945 wurde die Familie Bier aus dem Sudetenland ausgewiesen und ließ sich – nach längeren
Zwischenaufenthalten – in Waiblingen nieder. Von 1965-68 studierte Wolfgang Bier an der
Stuttgarter Kunstakademie bei Hannes Neuner und Rudolf Hoflehner. 1967 begann er, mit Eisen
zu arbeiten. Es entstanden Reliefs und Objekte aus Vollmaterial.
Zeiten einer persönlichen Lebenskrise führten dazu, dass er Stuttgart verließ, um nach Berlin zu
gehen. Bewusst zog er sich dort auf eine Insel im Tegeler See zurück, die nur mit einem Boot zu
erreichen war. 1969-74 studierte er an der Hochschule Berlin, wo er von 1974 bis 1976 die dortige
Metallwerkstatt leitete. 1973 wurde er Meisterschüler bei Prof. Shinkichi Tajiri.
Er entwickelte sein Thema vom Menschen in der figürlichen Plastik, dargestellt als Figur, Torso
und besonders konzentriert erörtert als Kopf, dem Sitz aller Widersprüche.
Ein neuer Werkstoff kam hinzu, das Leder, dass er ritzte, schnitt und verbrannte, so dass die
malträtierte Haut die Erfahrung und das Erlittene wie eine Tätowierung trägt. Mit diesen
gegensätzlichen Werkstoffen, dem weichen, biegsamen und verletzlichen Leder und dem kalten, spröden
und technischen Eisen, konnte er die Polarität von Aggression und Angst, von Wehrhaftigkeit und
Schutzlosigkeit, von Angriff und Verletzbarkeit besonders deutlich zum Ausdruck bringen.
Werkzeuge, landwirtschaftliche Geräte und Gasbehälter, die er auf ländlichen Schrottplätzen
findet, werden in seinen behelmten Köpfen zu Pfeilen, Raketen und Torpedos und
symbolisieren den inneren Krieg.
Wolfgang Bier war ein tiefgründiger, philosophisch denkender Mensch mit großer Ernsthaftigkeit,
dessen zurückhaltende Wesensart ihn für alles Marktschreierische untauglich machte.
Seine hohe Empfindsamkeit machte ihn sensibel für Angst auslösende Gewalt in jeder Form.
Schon in den 68-er Jahren, als überall von der physischen Gewalt in der Gesellschaft die Rede war,
beschäftigte ihn vor allem die subtile von innen nach außen dringende Gewalt im psychischen
Bereich. Er untersuchte die Mechanismen der Stimme in verbalen Attacken und reduzierten
menschlichen Gesten. 1980 schrieb er: "Bleiben wir in unseren eigenen vier Wänden, im
zwischenmenschlichen Bereich, wo alles seinen Ausgang nimmt. Wo wir unser Gegenüber verletzen.
Wo wir ihn mit unserer Stimme zerschneiden. Mit unseren Augen durchbohren. Mit unseren Blicken töten."
Besonders deutlich demonstriert die Arbeit "Kopf mit Kreissäge" (1977), ein aus der Stirn
ragendes Sägeblatt eindringlich, dass zerstörerische Handlungen unseren zersetzenden
Gedanken entspringen, die sich dann in Hassgefühlen, Streitigkeiten und Wutanfällen gegenüber
anderen äußern. Es wird deutlich, dass Aggression und Gewalt immer von innen geboren werden.
Bei dem 1979 entstandenen Lederkopf "Schädel" ersetzt eine Klinge den Mund und verdeutlicht,
wie tödlich verletzend Worte sein können.
Die Arbeit "Kopf" (1992) lässt uns an eine Maschine erinnern. Vorrichtungen für die Beweglichkeit
sind vorhanden, jedoch sind sie stillgelegt und ohne einen äusseren Antrieb scheinbar nicht in der Lage,
sich selbst in Bewegung zu setzen. Der Mensch wird gezeigt als manipuliertes Wesen, fremdbestimmt
und jeglicher Individualität beraubt, das seine Persönlichkeit nie entwickelt oder sie aufgegeben hat.
Als reiner Funktionsträger stellt es sich in den Dienst, hinweg über das eigene Herz und tut sich selber
damit Gewalt an. Gewalt ist nicht nur ein Phänomen ferner Länder, wo man kriegerisch aufeinander schlägt.
Gewalt findet in unseren Köpfen statt. Jeden Tag. Die psychische Konfliktbewältigung ist dabei diffiziler,
raffinierter, deshalb aber nicht weniger grausam, als die mit physischer Gewalt ausgetragene.
In der 1994 entstandenen Skulptur "Sturz-Torso" demonstrierte Wolfgang Bier die
Selbstüberschätzung des Menschen, die ihn stürzen bzw. scheitern lässt. Eine Zeichnung aus
dem Jahr 1991 mit dem Titel „Sturz und Fortkommen“ zeigt jedoch, dass der Mensch immer auch
die Wahl hat, entweder sich als Opfer zu sehen und zu resignieren oder sich zu neuen Ufern
aufzuschwingen und weiterzuentwickeln. Es sind unsere Einstellungen und Vorstellungen, die
das Außen beeinflussen.
1976 zog Wolfgang Bier nach Fichtenau (Hohenlohe-Franken). 1977 erhielt er das Karl-Schmidt-
Rottluff-Stipendium, 1983 den Kunstpreis der Stadt Darmstadt und 1988 den Hohenloher
Kunstpreis.
Seit 1987 hatte er eine Professur an der FH Aachen inne.
1990 zog er auf eine ehemalige Hofstelle im Stadtgebiet von Schwäbisch Hall und gründete 1997
den Haller Kunstverein.
Sein besonderes Interesse für fernöstliche Religionen führte zu einer zunehmenden Verinnerlichung
und veränderte bereits Mitte der 90-er Jahre sein plastisches und zeichnerisches Werk.
Sie wurden formal reduzierter. Es entstanden vergeistigte Relikte, nur noch andeutungsweise
an einen Kopf erinnernd. Ebenso reduziert wurden seine Papier-Blöcke, die er wie ein Chirurg
mit einem Skalpell sezierte, um Schichten freizulegen, um ins Innere vorzudringen.
Diese sensiblen Kopf-Einsichten zeigen die Innenwelten unserer Vorstellungen.
Seine Arbeiten fasste er unter dem Titel zusammen: "Das Innen bestimmt das Aussen".
Er hat uns in die Schädel hineinsehen lassen und unsere Gedanken sichtbar gemacht, mit der wir
unsere Wirklichkeit beeinflussen.
Seine Bewusstheit ließ ihn auch die schwierigsten Zeiten seines Lebens meistern.
Wolfgang Bier arbeitete noch zwei Wochen vor seinem Krebstod an Papierreliefs.
Gabi Welters
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